|
3.3.2 Lokalklimatische
Gesichtspunkte
Im folgenden sollen die lokalen
Einflüsse behandelt werden, die auf kleinstem Raum oft
erhebliche Abweichungen von den für die Klimaregion typischen
Temperaturwerten mit der Folge abweichenden Energieverbrauchs
verursachen können.
.
Wärmeinseleffekt der Bebauung
In der Abbildung
2/1 sind die Einflussgrößen des urbanen Wärmehaushalts dargestellt,
deren Zusammenwirken eine Wärmeinsel im Siedlungsbereich entstehen
lässt. In der Abbildung
2/3 wird dieser Wärmeinseleffekt quantifiziert. Wie erwähnt,
ist mit diesem Befund eine nicht unerhebliche Reduzierung des Heizenergiebedarfs
verbunden, die für eine Großstadt auf 10% bis 15% zu schätzen ist.
Es handelt sich dabei um einen der wenigen Vorteile, welche städtische
Bebauung und damit verbundene Bodenversiegelung in klimatischer
Hinsicht zu bieten haben (s.a. Abb.
2/2a).
.
Temperaturabnahme
mit der Höhe
Es entspricht
einer physikalischen Gesetzmäßigkeit, dass die mittlere
Lufttemperatur mit zunehmender Höhenlage eines Ortes abnimmt.
Im Jahresmittel beträgt diese höhenbedingte Temperaturabnahme
durchschnittlich 0,5 °C pro 100 m Höhenstufe. Im Sommer und
Frühjahr erhöht sich der Betrag der Temperaturabnahme auf ca.
0,6 °C pro 100 m Höhenstufe, während er im Herbst auf 0,4 °C
und im Winter auf ca. 0,3 °C pro 100 m zurückgeht. In Abbildung
3/19 ist die jahreszeitliche Höhenabhängigkeit der
Temperaturmittelwerte graphisch dargestellt. Somit ist davon
auszugehen, dass in größerer Höhe über dem Meeresspiegel
gelegene Orte aufgrund niedrigerer Außentemperaturen einen
erhöhten Heizwärmebedarf aufweisen. Dieser an sich richtige
Sachverhalt kann jedoch durch topographisch bedingte
mikroklimatische Effekte überlagert werden.
.
Kaltluftsammelgebiete
und Kaltluftstaubereiche
Geländemulden,
Senken und Täler wirken als nächtliche Kaltluftsammelgebiete.
Die dort in windschwachen wolkenarmen Strahlungsnächten von den
Kaltlufteinzugsgebieten der Hänge und Höhen zusammenfließende
Kaltluft lässt niedrige nächtliche Temperaturminima entstehen,
die am Tage - insbesondere im Sommer - durch die für Täler
typischen Übertemperaturen im statistischen Mittel wieder
ausgeglichen werden. Extrem niedrige nächtliche
Temperaturminima ergeben sich, wenn eingeflossene Kaltluft an
Strömungshindernissen zu einem stagnierenden Kaltluftsee
aufgestaut wird. Es sind dies auch jene spät- und
frühfrostgefährdeten Bereiche, in welchen frostempfindliche
Sonderkulturen nicht möglich sind oder zumindest häufig
geschädigt werden (vgl. Abschnitt 6.2.4 und
Abb. 6/22).
Im Interesse einer energiebewussten Planung
sind Kaltluftsammelgebiete, insbesondere aber
Kaltluftstaubereiche für eine Besiedlung zu meiden. Die
geländeklimatischen Nachteile können hier durchaus mit einem
um 20% höheren Heizenergieverbrauch zu Buche schlagen.
.
Dunst- und Nebelhäufigkeit
Gegenden mit großer Dunst- und
Nebelhäufigkeit sind während der austauschärmeren Heizzeit
gleichermaßen durch ein herabgesetztes Temperaturniveau und
verminderte Sonneneinstrahlung gekennzeichnet. Es handelt sich
dabei meistens um die oben erwähnten Kaltluftsammelgebiete und
Kaltluftstaubereiche in Tal- und Muldenlage, aber auch um ebene
offene Landschaften mit Gewässern und Feuchtgebieten. Ausdruck
der vorhandenen Austauscharmut ist die große Häufigkeit von
Bodeninversionen der Temperatur, die durch die Abbildungen 3/20a
und 3/20b erläutert werden.
Während normalerweise die Lufttemperatur mit
der Höhe in der freien Atmosphäre um etwa 1°C pro 100 m
abnimmt, erfolgt im Bereich einer Temperaturinversion eine
Temperaturzunahme mit der Höhe, z.B. aufgrund von zufließender
Warmluft in der Höhe. Inversionen bedeuten eine Sperre für den
vertikalen Luftaustausch und begünstigen somit das Auftreten
von Dunst und Nebel, insbesondere wenn sie dem Erdboden direkt
aufliegen. Man spricht dann von einer Bodeninversion, wobei die
Gründe für das Vorhandensein einer bodennahen Kaltluftschicht
meist in der Austauscharmut und starken nächtlichen Abkühlung
der Erdoberfläche liegen. Bodeninversionsgefährdete Bereiche
sind aufgrund ihres ungünstigen thermischen Niveaus und des zu
erwartenden vermehrten Heizenergieaufwandes für die Besiedlung
wenig geeignet.
.
Empfehlungen
Aus energetischen Gründen sind in jedem
Fall die temperaturbegünstigten südost- bis
südwestorientierten Halbhöhenlagen für eine Besiedlung am
besten geeignet. Durch bewaldete Bergkuppen und Hangschultern
können diese Lagen gegen Kaltlufteinbrüche der Hochebenen
geschützt werden.
Zur Vermeidung von thermischen Ungunstlagen
bei Standortplanungen empfiehlt sich zunächst eine gründliche
Betrachtung der topographischen Situation. Auch die Art der
bisherigen landwirtschaftlichen Nutzung kann Anzeichen für
thermisch ungünstige Verhältnisse geben. Es existieren für
Baden-Württemberg verschiedene vom Deutschen Wetterdienst
ausgearbeitete Klimakarten zum thermischen Komplex, deren
Nachteil jedoch der für örtliche Fragestellungen oft zu kleine
Maßstab ist (JENDRITZKI et al., 1990), so dass hier
Detailberechnungen über Sonderuntersuchungen erforderlich sind.
In diesem Zusammenhang erweist sich die im
Abschnitt 5.2 vorgestellte Infrarot-Thermographie von besonderem
Wert. Die im Abschnitt 5.5 beschriebenen Klimaanalysekarten
berücksichtigen Fragen der Heizenergie durch die Kartierung von
Kaltluftsammelgebieten und Kaltluftstaubereichen. Auch werden in
derartigen Karten bodeninversionsgefährdete Bereiche sowie
Gebiete mit verstärktem Auftreten von Dunst und Nebel
hervorgehoben.
|